Das graue Haar
 
 
 

Ein welkes Sommerblatt fiel mir zu Füßen.
- Dein erstes graues Haar. Es sprach zu mir:
Mai ist vorbei. Der erste Schnee läßt grüßen.
Es dunkelt schon. Die Nacht steht vor der Tür.

Bald wird der Sturmwind an die Scheiben klopfen.
Im Lindenbaum, der so voll Singen war,
Hockt stumm und düster eine Krähenschar.
Hörst Du den Regen von den Dächern tropfen ?

So sprach zu mir das erste graue Haar.
Da aber ward ich deinen Blick gewahr,
Da sah ich, Liebster, lächelnd dich im Spiegel.
Du nicktest wissend: Ja so wird es sein.

Und deine Augen fragten mich, im Spiegel,
läßt mich die Nachtigall im Herbst allein ?
Und meine Augen sagten dir im Spiegel:
Kommt, Wind und Regen, kommt ! Wir sind zu zwein.

Das graue Haar, ich suche es, im Spiegel.
Der erste Kuss darauf, dass war mein Siegel.

Maschka Kaléko