Parabel von Sonne und Stier

    

Als im unaufhaltsamen Rhythmus von Tag und Nacht die Erde bebaut war, in die der Pflug, wie es seiner Bestimmung entsprach, seine Furchen gerissen, und der Samen, der in sie gelegt, mit dem Regen des Himmels und den Strahlen der Sonne verheißungsvoll Früchte hervorgebracht hatte, neigte ein weiteres Jahr sich dem Ende.

Die Sonne und der Stier hatten das Ihre getan, die Aufgabe, die Ihnen von Gott einst gemeinsam anvertraut, auf den Weg der Reife zu bringen. Mal um Mal hatten wechselnde Winde ihnen, je nachdem, ernste Beständigkeit und auch bitteren Fleiß abverlangt. Oft hatte sich die Sonne den Weg für ihre Strahlen durch schwere Wolken hindurch bahnen müssen, oft sich der Stier vor dem Pflug durch steinigen Boden gekeucht. So war die Welt geschaffen. Jetzt aber, nach manchmal süßer, manchmal harter Arbeit des Sommers schien die Zeit der Ernte und des Genusses gekommen. 

"Jetzt endlich", dachte sich der Stier, "dürfen wir zehren von unserer Müh' und den Segen empfangen. Denn gut und erneuernd ist das Leben in seiner Wiederkehr."

"Bist du nicht müde vom ewigen Pflügen, Säen und Ernten? Gibt's nicht ein Besseres?", fragte ihn, abgewandt bebend vor Überdruß, die verlöschende Sonne. 

Der Stier aber, von Erkenntnis erschüttert, denn er hatte wohl verstanden, entgegnete nach sehr langem Schweigen: "Wie könnte ich müde sein vor Bestimmung? Liegt ihr Segen denn nicht  in Beständigkeit, die aller Mühsal wert ist?"

Aber er war voller Trauer und ohne Hochmut.

G. St.