Parabel vom Stier
       
       
Jahr um Jahr zog der Stier den Pflug durch die Erde. Der Boden war weder steinig wie unfruchtbare Wüstenei  noch war er weich wie eine Marschenwiese im Frühjahr. Hatte er in übermütiger Jugend noch oft sein zorniges Haupt geschüttelt, so hatte er jetzt gelernt und vergessen zugleich: 
Die Arbeit fiel ihm weder schwer noch leicht, er tat sie. 

Wenn er ruhte von seinem Werk, graste er auf  Wiesen, die ihn sättigten eine Zeit. War er müde, so schlief er eine Weile. Wenn er erwachte, so nahm er sein Joch. Er zählte die Schritte nicht, die er tat, und nicht die Wiesen im Zwielicht. So konnte er wieder und wieder tun, was er angenommen hatte nach seiner Art. 

Nach einiger Zeit vergaß er Sommer und Winter, Tag und Nacht, als gäbe es nur noch Zeit. 

Nur wenn er schlief, sah er zuweilen im Traum zwischen den Wipfeln des Ostens seine Gefährtin am Himmel, die manchmal den Boden ihm ausgedorrt zu harter Arbeit,  manchmal  die Wiese  hatte saftig  und  nahrhaft gemacht mit ihren Strahlen.

Und er wurde durch sie, was er war: der Stier! 

G. St

Lied